Zinstheorien
Funktionen des Zinses sind
● Entgelt für geliehene oder gemietete Sachen oder Geld als Darlehen bzw. Kredit
● Absicherung des Rückgabe- oder Rückzahlungsrisikos (Risikoprämie)
● Pauschalierung von Schadenersatz (Verzugszins)
● Inflationsausgleich: Ausgleich für den Kaufkraftverlust des Kreditbetrags bei Inflation.
● Opportunitätskosten: Der Gläubiger könnte mit dem verliehenen Kapital selbst
wirtschaftlich tätig werden und Gewinne erzielen, für die er sich durch Zins
entschädigen lässt. Die entgangenen Gewinne werden als Kosten verstanden.
Opportunitätskosten können auch durch einen Konsumverzicht entstehen.
Der theoretischen Erklärung des Zinses widmen sich Zinstheorien:
Klassisch/Neoklassisch
Im Verständnis klassischer und neoklassischer
Wirtschaftswissenschafter erfüllt der Zins (und allgemein, Kapitaleinkommen)
eine wichtige Funktion als Allokationsmechanismus, also einen Mechanismus der
Messungen erlaubt und daher Entscheidungshilfe bietet: Eine Kühlschrankfabrik am
Nordpol vermöchte womöglich tatsächlich kostendeckend arbeiten, dennoch wäre die
niedrigere Rendite ein Indiz und Anreiz dafür, dass eine andere Investition
sinnvoller wäre - für die Allgemeinheit ebenso wie für die Investoren.
Die Renditeniveaus in unterschiedlichen Sparten (Bsp. Flugzeuge, Autos,
Informationstechnologie) sind ein Indikator für die Knappheit im
volkswirtschaftlichen Sinn. Ein allgemeines Verbot von Zinsen würde also
erschweren, diese Knappheit zu finden und zu beseitigen. Des Weiteren besagen
die Erfahrungen aus dem Islamic Banking, dass Nullzinsgebote schlichtweg
umgangen werden - Kapital kann aufgrund der Liquiditätspräferenz eine Rendite
fordern, und ohne Investition keine Wirtschaftliche Entwicklung. Dies führt zu
der Vermutung, dass selbst die Schwächsten einer Gesellschaft in einer
Wirtschaft ohne Nullzinsgebot schlussendlich wirtschaftlich besser gestellt sind
als in einer Wirtschaft, die das Nehmen von Zinsen bzw Kapitaleinkommen effektiv
verbietet und verfolgt.
Ein hypothetischer Investor, der aus rein altruistischen Motiven handelte,
müsste das Renditeniveau zuhilfenehmen, um herauszufinden, wo er am
nachhaltigsten die Versorgung der Gesellschaft mit Gütern, also der
langfristigen Reduzierung der wirtschaftlichen Knappheit, bekämpft. Die
Vorstellung, dass pur egoistisches und rein altruistisches Handeln sich bei
besserem Wissen um die Umstände immer ähnlicher sehen, beziehungsweise der
Investor, der angelockt von hohen Kapitaleinkommen die Knappheit der
Allgemeinheit da beseitigt, wo sie am allergrößten ist, und so unfreiwillig
altruistisch handelt, ist ein zentrales Element von Adam Smith's Unsichtbarer
Hand und der klassischen liberalen Ethik.
Erklärung des Zinses nach Eugen von Böhm-Bawerk
Der österreichische
Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk (1851-1914) untersuchte als einer der ersten das
Zinsphänomen systematisch. Bei der Untersuchung der Frage, weswegen man
überhaupt Zinsen verlangt, stellte er fest, dass das Einkommen im Lauf des
Lebens ansteigt und man daher für heute verliehenes Geld in Zukunft auch mehr
zurück erwartet, da man sonst nicht bereit wäre, durch das Verleihen von Geld
sparsamer sein zu müssen.
Zweitens beobachtete Böhm-Bawerk, dass Menschen ihre zukünftigen Bedürfnisse
meist unterschätzen und Geld lieber sofort ausgeben („Gegenwartspräferenz“). Um
sie dennoch zum Verleihen zu bewegen, müsse man ihnen als Ausgleich Zinsen
anbieten.
Der dritte Grund für das Verlangen von Zinsen ist nach Böhm-Bawerk darin zu
sehen, dass Arbeit bei der Herstellung von Maschinen sehr nützlich eingesetzt
wird, indem sie gewissermaßen in einen Produktionsumweg geleitet werden kann.
Wenn Arbeiter eine Maschine produzieren, kann hinterher mehr damit hergestellt
werden, als die Arbeiter vorher leisten konnten. Es entsteht eine „zusätzliche
Ergiebigkeit“, ein Produktivitätszuwachs, und ein Gläubiger kann vom Schuldner
erwarten, ihn „angemessen“ daran zu beteiligen. Zinsen lassen sich danach aus
der zusätzlichen Ergiebigkeit der auf einen Produktionsumweg geleiteten Arbeit
erklären. Um die Arbeiter im Voraus zu entlohnen, benötigt der Unternehmer
Kapital, wofür er Zinsen zahlen muss und aus der zusätzlichen Ergiebigkeit der
Arbeit auch zahlen kann. Böhm-Bawerk wollte so mit einer eigenen Erklärung des
Zinses ein bedeutendes Argument des Marxismus entkräften, wonach der Zins Teil
des Mehrwerts ist, der wiederum durch Ausbeutung der Arbeiter durch die
Kapitalisten gewonnen wird.
Der Zins ist - nach Böhm-Bawerk - nicht der Preis des Geldes, sondern der Preis
für die Zeit und belohnt den Verleiher für eine hypothetische Verschiebung
seines Konsums.
Erklärung des Zinses nach Ludwig von Mises
Der österreichische Nationalökonom Ludwig von Mises erklärte den Zins aus den subjektiven Wertungen der Menschen. Sie ziehen die Behebung eines unmittelbaren Unbefriedigtseins (etwa Hunger) der Behebung eines künftigen Unbefriedigtseins vor, daher wird eine bestimmte Menge heutiger Güter einer größeren Menge künftiger gleichartiger Güter vorgezogen. Da man demnach eine Menge heutiger Güter mit einer größeren Menge künftiger Güter wertmäßig gleichsetzen kann, ergibt sich ein Mengenunterschied zwischen diesen Gütern, der Zins.
Erklärung des Zinses nach John Maynard Keynes
Nach der
Liquiditätspräferenztheorie von John Maynard Keynes beruht Zins auf der
besonderen Begehrtheit des Geldes. Nach ihm ist Zins die Belohnung für die
Aufgabe von Liquidität über einen bestimmten Zeitraum oder – was das Gleiche ist
– für die Nichthortung von Geld.
Der Vorteil des Geldbesitzes wird von Keynes Liquiditätsprämie des Geldes
genannt. Sie besteht darin, dass man mit Geld überall und jederzeit problemlos
zahlen kann, nicht aber mit anderen Dingen, beispielsweise mit einem
Schuldschein aus einem Kreditvertrag. Außerdem hat ein Geldbesitzer Wahlfreiheit
im Angebot von Waren und Dienstleistungen, die er für sein Geld erwerben kann.
Naturgemäß haben alle Wirtschaftsteilnehmer eine Vorliebe für den Besitz von
Geld, eine Liquiditätspräferenz („liquidity-preference“), wie J. M. Keynes sich
ausdrückt. Sie wollen zahlungsfähig sein und unter dem Marktangebot frei wählen
können. Die Liquiditätspräferenz hängt nach Keynes ab von vier Beweggründen („Motiven“)
zum Halten von Geld:
1.
Einkommensmotiv („income-motive“) für die Überbrückung der Zeit zwischen
Einnahme und Ausgabe des Einkommens,
2.
Geschäftsmotiv („business-motive“) für die Überbrückung der Zeit zwischen
Einkauf und Verkauf einer Ware,
3.
Vorsorge- oder Vorsichtsmotiv („precautionary-motive“) aus Vorsorge für
bevorstehende und unvorhersehbare Ausgaben,
4.
Spekulationsmotiv („speculative-motive“) aus der Erwartung günstigerer
Gelegenheiten zur Verwendung des Geldes.
Einkommensmotiv und Geschäftsmotiv zusammen nennt Keynes auch Umsatzmotiv
(„transactions-motive“).
Wer Geld weggibt, gibt – nach Keynes – die Verfügung über Geld als
Universalzahlungsmittel auf. Der Vorteil des Geldbesitzes, die Liquiditätsprämie
des Geldes, wird beim Kreditgeschäft vom Kreditgeber an den Kreditnehmer
verliehen. Für den dabei entgangenen Vorteil lässt sich der Kreditgeber einen
Zins bezahlen, welcher die Höhe der Liquiditätsprämie verkörpert. Dieser Zins
ist der Preis dafür, dass er über das verliehene Geld während der Laufzeit des
Kredits nicht verfügen kann. Umgekehrt ist der Kreditnehmer bereit, für den
erworbenen Vorteil des Geldbesitzes diesen Zins zu bezahlen.
Die Tatsache, dass Geld beim Behalten praktisch keine Nachteile (Durchhaltekosten)
verursacht, macht es Kreditanbietern risikolos, ihr Geld vom Angebot
zurückzuhalten, zu horten, solange ihnen der Zins für Kredite nicht hoch genug
erscheint oder sie sein Steigen erwarten. Damit wird dem Wirtschaftskreislauf
Geld in spekulativer Absicht entzogen und in der Spekulationskasse gehalten. Es
verschwindet in der so genannten Liquiditätsfalle („liquidity trap“), wie Keynes
sagt. Diese Zurückhaltung verhindert, dass der entsprechende Zinssatz gegen null
sinkt. Keynes bemängelte, dass dadurch die Wirtschaft massiv gestört werden kann.
Als Gegenmaßnahme schlug er eine ständige maßvolle Geldentwertung (Inflation)
vor, welche gehortetes Geld entwertet und somit Geldhortung kostspielig macht.
Dieser Idee entspricht sein Ausspruch Lieber ein Prozent mehr Inflation als ein
Prozent mehr Arbeitslosigkeit.
Weitere Zinstheorien
● Fruktifikationstheorie („Boden-Fruchtbarkeits-Theorie“):
Zins als Ersatz für Bodenfruchtbarkeit (A. R. J. Turgot, Frankreich, 1727–1781),
● Abstinenztheorie („Enthaltsamkeitstheorie“): Zins als Entschädigung für
Konsumverzicht (N. W. Senior, England, 1790–1864),
● Grenzproduktivitätstheorie: Zins entspricht der Grenzproduktivität des Kapitals
(J. B. Clark, USA, 1847–1938),
● Urzinstheorie (Geld-Mehrwerttheorie): Zins auf Grund der höheren Begehrtheit
flüssiger Zahlungsmittel (S. Gesell, 1862–1930),
● Dynamische Zinstheorie: Zins entspricht variablen Unternehmensgewinnen (J. A.
Schumpeter, Österreich, 1883–1950),
● Loanable-Fund-Theorie („Rentable-Anlage-Theorie“): Zins bestimmt sich nach
Kreditangebot und -nachfrage (B. G. Ohlin, Schweden, 1899–1979).

